Sonja Hartl

Verlierer, Versager und Philip Marlowe

Verlierer. Sie scheinen eine unwiderstehliche Anziehungskraft auszuüben. Lieder werden über sie geschrieben, Filme erzählen ihre Geschichten, Autor_innen wählen sie als ihre Figuren. Ein typischer Verlierer innerhalb fiktionaler Werke bekommt sein Leben nicht auf die Reihe, hat seinen Job verloren oder ist weit unterhalb seiner Fähigkeiten beschäftigt, eventuell geschieden und/oder hat die Liebe seines Lebens verloren, weil er eben nichts auf die Reihe bekommt. Zudem ist der Verlierer in der Kriminalliteratur überwiegend männlich. Bei weiblichen Figuren scheint zum einen das kompetitive Moment zu fehlen, das zu dieser Einordnung führt, zum anderen werden sogar in Werken, die dezidiert Frauen in den Mittelpunkt stellen, andere Erwartungen an ein „erfolgreiches“ Leben von Frauen als von Männern gestellt. In Paula Hawkins „Girl on the Train“ wird formuliert, dass Frauen an Schönheit und Mutterschaft gemessen werden. Rachel, eine der Erzählerinnen, kann nicht schwanger werden, hat daraufhin angefangen zu trinken und ist dick geworden. Deshalb sieht sie sich selbst als Versagerin, sie hat eine Erwartung, ihre Funktion nicht erfüllt. Erst dadurch hat sie ihren Ehemann, ihr Haus, ihren Job, teilweise ihre Selbstachtung und vielleicht ihre Erinnerung verloren.

Schon dieser kleine semantische Unterschied zwischen Versagerin und Verliererin verweist darauf, dass es verschiedene Verlierertypen gibt. Vincent Naylor aus Gene Kerrigans „Die Wut“ zum Beispiel ist ein Dieb, der gerade acht Monate im Gefängnis saß, weil er sich von einem „Freak“ provoziert fühlte, und nun beschlossen hat, seine Wut zu zügeln. Also vergewaltigt er eine Verkäuferin nicht, sondern arbeitet weiter an seinem Plan, einen Geldtransporter zu überfallen. Er ist ein Verlierer, weil er an den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen gescheitert ist, für ihn gibt es mittlerweile kaum Aussicht auf Besserung. Sich bessern könnte hingegen Kommissar Axel Steen von Jesper Stein. Zu Beginn der Reihe ist er geschieden, kifft und hat Angst zu sterben, im Verlauf der folgenden Bücher taumelt er immer weiter den Abgrund hinunter. Er ist ein größerer Verlierer als Vincent Naylor, weil er zusätzlich zur Selbstachtung, seinem Leben und seiner Freiheit noch seine Tochter und seinen Job verlieren kann. Auch hier zeigt sich abermals die Bedeutung der gesellschaftlichen Erwartungen für die Einordnung als Verlierer: Je mehr jemand hat, je stärker er innerhalb einer bürgerlichen Ordnung verankert ist, desto mehr kann er verlieren.

Ein weiterer verbreiteter Verlierer-Typ in der Kriminalliteratur ist der Privatdetektiv. Seit Philip Marlowe ist das „Verliererhafte“ charakterisierender Bestandteil all der hartgesottenen Privatdetektive in seiner Nachfolge. Sie stehen für die Wende der Kriminalliteratur hin zum ‚Realistischen’, zur ‚Straße’, sie verkörpern Außenseitertum und Rebellion, zugleich trägt jeder harte Privatdetektiv auch eine Geschichte des Scheiterns mit sich. Diesem Scheitern wohnt aber zum einen eine Grenze inne: Beispielsweise hat Jörg Juretzka seinen Mülheimer Privatdetektiv Kristof „Krüschel“ Kryszinski zwölf Bände lang immer weiter den Abgrund hinunter taumeln lassen, sodass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis er endgültig darin versinkt – oder seine Glaubwürdigkeit verliert. Denn auch bei einem Privatdetektiv gibt es eine Grenze an Schlägen, die er einstecken kann. Zum anderen erscheint es paradox, dass ausgerechnet die ermittelnden Außenseiter und Verlierer Kriminalliteratur oftmals zu einer Literatur der Gewinner machen, indem sie wenigstens einen Teil der Wahrheit herausfinden und damit für etwas Ordnung auf der Welt sorgen, die sie zu Verlierern gemacht hat. Sie verweisen somit auf die Fehler der Gesellschaft und des Systems, helfen aber zugleich, es aufrechtzuerhalten.

Anders ist es im Noir, dort ist die Lage am Anfang schlecht, am Ende noch schlechter. Verlierer bleiben hier Verlierer, für sie geht es wie für Newton Thornburgs „Cutter und Bone“ nur noch weiter bergab. Manche geben sich der illusorischen Hoffnung hin, es würde besser werden. Aber wohin Hoffnung führt, hat Jim Thompson in „Getaway“ bereits erzählt: Nachdem sich Doc McCoy und Carol endlich ins mexikanische El Rey durchgeschlagen haben, landen sie in der Hölle. Sehr deutlich ist diese Tendenz auch im Film noir zu sehen: In Fritz Langs „You only live once“ scheint es für den auf Bewährung entlassenen Eddie (Henry Fonda) einen Weg in ein bürgerliches Leben zu geben, aber dann landet er wegen eines Fehlurteils im Gefängnis, bricht aus, flüchtet mit seiner schwangeren Frau und wird erschossen. Und wie viel Verlierer tatsächlich in Marlowe steckt, ist in Robert Altmans Adaption von „The Long Goodbye“ (1973) zu sehen. Hier ist Marlowe (Elliott Gould) immer verlorener in einer Welt, die er nicht mehr versteht, sodass er schließlich zum letzten Mittel, der Gewalt, greift. Denn nach eigener Aussage hat Altman Marlowe gesehen wie Chandler es wollte: „I see Marlowe the way Chandler saw him, a loser. But a real loser, not the false winner Chandler made out of him. A loser all the way.“

Erschienen in der Polar Gazette.

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