Sonja Hartl

Selbstsichere Männer, manipulative Frauen – Anmerkungen zu James M. Cain

Mit Raymond Chandler und Dashiell Hammett gehört James Mallahan Cain zu den zentralen Autoren der hardboiled school, und doch wird er heutzutage aufgrund der Verfilmungen seiner Werke erinnert. Fast unweigerlich denkt man bei seinem Namen an Barbara Stanwyck und Fred MacMurray, an Lana Turner und John Garfield, vielleicht sogar an Jessica Lange und Jack Nicholson. Selten ist die Wirkung eines Autors so eng an drei bestimmte Werke und deren Adaptionen gebunden, aber bei James M. Cain beeinflussen bis heute „The Postman Always Rings Twice“, „Double Indemnity“ und „Mildred Pierce“ seine Wahrnehmung.

Von Maryland nach Hollywood
Geboren in Maryland im Jahr 1892 wuchs James Mallahan Cain in Annapolis und Chesterton auf. Mit 17 Jahren schloss er das College ab, arbeitete als Angestellter einer Gasfirma, strebte eine Ausbildung zum Opernsänger an und war als Lehrer tätig. „But then one day, just for no reason, I was sitting in Lafayette Park, and I heard my own voice tellening me, „You’re going to be a writer““, erzählte James M. Cain in einem Interview (The Art of Fiction 69, The Paris Review). Also begann er für Zeitungen in Baltimore über Lokalpolitik und Kriminalfälle zu berichten, war 1917 für ein Armeemagazin tätig und schrieb nebenbei Geschichten. Im Jahr 1924 lernte er H.L. Mencken kenne, der vier Jahre später Caines erste Geschichte „Pastorale“ in seinem neu gegründeten Magazin „American Mercury“ publizierte und ihm half, nach New York zu gehen. Dort arbeitete er für die „New York World“ und den „New Yorker“, aber er wollte nicht in der Stadt bleiben, weil er über die Menschen dort nicht schreiben konnte. Also nahm er 1931 ein Angebot von Columbia an, für 400 $ die Woche als Drehbuchautor zu arbeiten – das war im Vergleich zum „New Yorker“ das doppelte Gehalt.

Ausgestattet mit einem Sechs-Monats-Vertrag erkannte James M. Cain schnell, dass ihm das Drehbuchschreiben nicht lag. Sein Kollege Robert Riskin brachte sein Problem auf den Punkt: „You seem to regard any story as a sort of algebraic equation, to be transformed and worked out until it yields the inevitable story that lurks in the idea somewhere.“ (Madden, Mecholsky: James M. Cain) Damit charakterisierte er Cains Arbeitsweise sehr gut, die für das Schreiben eines Drehbuchs indes hinderlich war. Daher war er hauptsächlich als script doctor tätig und überarbeitete Dialoge. Zudem fand Cain aber an Filmen auch kein Gefallen. Sie erschienen ihm oberflächlich, albern und kindisch, Film war in seinen Augen eine niedere Kunstform. Dass er dennoch bis 1947 in Kalifornien blieb, hing daher vor allem mit dem Landstrich zusammen. Er stellte schnell fest, dass er über Kalifornier – im Gegensatz zu New Yorkern – schreiben konnte.

Sex und Begehren als Hauptmotive – Der Erfolg von „The Postman Always Rings Twice“ 
Mit seinen Büchern hat James M. Cain wie Chandler und Hammett das Bild Kaliforniens geprägt, dazu hat vor allem sein erster Roman „The Postman Always Rings Twice“ (1934) beigetragen, der als Hardcover und Paperback erfolgreich war, als Theaterstück und Film adaptiert wurde. Hauptfigur ist Frank Chambers, ein charmanter Herumtreiber, der sich nie lange an einem Ort aufhält. Zufällig landet er an der Tankstelle mit angeschlossenem Restaurant Twin Oakes, dessen Besitzer Nick Papadakis einen Arbeiter sucht. Frank möchte nicht sesshaft werden – bis er Nicks Frau Cora erblickt und seine Meinung ändert: „Von der Figur abgesehen, war sie wirklich keine überwältigende Schönheit, aber sie blickte übellaunig drein und hatte die Lippen auf eine Art geschürzt, daß ich sie ihr am liebsten eingedrückt hätte.“ Von Anfang an ist Franks Begehren durch Sexualität und Gewalt bestimmt, deshalb entwickelt sich zwischen Cora und Frank eine brutal-leidenschaftliche Affäre, die schließlich zur Ermordung von Nick führt. Doch nicht die Aufklärung des Verbrechens steht im Mittelpunkt des Romans, sondern die Beziehung zwischen Frank und Cora, die fortan durch ein love rack – so nannte Cain es – zusammengehalten wurden: Frank fürchtete, Cora könnte seine Beteiligung an dem Mord verraten, und Cora sorgte sich, dass Frank sie deshalb ermorden könnte.

„The Postman Always Rings Twice“ vereinbart wesentliche Merkmale des Frühwerks von James M. Cain. Durch den Ich-Erzähler entsteht ein direkter, authentischer Blick auf die Ereignisse, in seinen Dialogen entsteht die Poesie weniger durch die Worte als deren Rhythmus, außerdem verweigert er eine moralische Einschätzung. Seine Charaktere sind gewöhnliche Menschen, gefangen in großen Gefühlen, die sie selbst zerstören. Dabei weist „Postman“ auf das grundlegende Muster vieler Cain-Romane: Ein Mann will eine Frau, eine Frau begehrt einen Mann, will aber nicht ohne Geld oder Ehrbarkeit oder beidem leben. Dann geschieht ein Verbrechen, das zwei Menschen aneinanderfesselt. Dieser Roman (und die nachfolgende Adaption) trugen dazu bei, dass Cain als Autor rezipiert wurde, der über das männlichen Begehren und dessen Beziehung zur weiblichen Sexualität schreibt – und dieses Thema findet sich in verschiedenen Variationen in all seinen Werken wieder.

Neben „The Postman Always Rings Twice“ ist „Double Indemnity“ das Werk Cains, das die Wirkung des Autors dauerhaft geprägt hat. Ursprünglich 1936 als achtteilige Serie in dem Magazin „Liberty“ zur Finanzierung einer Theaterversion seines Erstlingswerks veröffentlicht, erzählt „Double Indemnity“ abermals von einer manipulativen Frau und einem selbstsicheren Mann, die sich in ein mörderisches Spiel verstricken: Der Versicherungsagent Walter Huff verfällt der verführerischen Phyllis Nirdlinger und gemeinsam inszenieren sie die Ermordung ihres Ehemannes als Unfall, um die doppelte Versicherungssumme abzukassieren. Ebenfalls aneinander gebunden durch ein mörderisches love rack muss Walter erkennen, dass „one drop of fear“ ausreicht, „to curdle love into hate“. Er ist wie Frank Chambers gefangen zwischen Sex und Gewalt, eine Erlösung gibt es nur im Tod. (Erst in späteren Werken werden andere Wege der Erfüllung angedeutet.)

Drei Filme und ihre Folgen
Obwohl bereits vorher Geschichten von James M. Cain verfilmt wurden (darunter „The Baby in the Icebox“ unter dem Titel „She Made Her Bed“ und „Two Can Sing“ als „Wife, Husband and Friend“), markieren die Adaptionen von „Double Indemnity“ (Billy Wider, 1944), „Mildred Pierce“ (1945, Michael Curtiz) und „The Postman Always Rings Twice“ (1946, Tay Garnett) seinen Einfluss in der Filmgeschichte.
Bereits kurz nach Erscheinen des Romans sicherte sich MGM die Rechte an „The Postman Always Rings Twice“, der Film kam indes erst als dritte Cain-Adaption 1946 in die Kinos. Zuvor erschien es aufgrund der Präsentation des Sexes in dem Roman als nahezu unmöglich, ihn zu verfilmen. Doch Billy Wilder und Drehbuchautor Raymond Chandler fanden mit „Double Indemnity“, der heute noch als das prägende Beispiel des Film noir gilt, einen Weg. Von vorneherein waren aufgrund des Hays Codes (Produktionsvorschriften, bei deren Verstoß der Film in bestimmten (wichtigen) Kinos nicht anlief und Strafen fällig wurden) Änderungen notwendig – bspw. durfte ein Selbstmord nicht am Ende eines Films stehen. Darüber hinaus änderten Billy Wilder und Raymond Chandler Namen und die Erzählsituation, so dass Walter Neff die Ereignisse als Geständnis auf Band spricht. Dadurch stand – im Gegensatz zu bspw. den Verfilmungen von Chandlers eigenen Werken – nicht ein Privatdetektiv im Mittelpunkt, der ein Verbrechen aufklärt, in das eine schöne Frau verwickelt ist, sondern ein Geständnis gibt den Rahmen der Erzählung. In Cains Romanen entsteht die Spannung durch die Mischung aus der Anziehungskraft eines mörderischen Liebespaares und der Unmöglichkeit, dass sie mit ihren Taten davonkommen. Durch die Form des Geständnis transponiert Chandler suspense auf die Leinwand und ermöglicht darüber hinaus, sowohl Cains Ich-Erzählperspektive beizubehalten als auch Rückblenden zu verwenden.
Der wissende Kommentar des Ich-Erzählers weist zudem auf das sexuelle Begehren und die Verführungskraft von Phyllis Dietrichson hin, vor allem aber sorgt Wilders Inszenierung der ersten Begegnung das fatalen Paares für die Übertragung des Prickelns: Walter betritt das Haus der Dietrichsons, oberhalb der Treppe erscheint Phyllis in einem Badehandtuch. Anfangs im Dunkel, tritt sie ins Licht und markiert das wachsende Interesse an Walter, zugleich blickt die Kamera von unten zu ihr herauf, so dass sie stets diejenige ist, die in dieser Szene die Kontrolle hat. Sie bittet Walter ins Wohnzimmer, dort wartet er, während sie sich ankleidet. Sein Blick fällt auf die Treppe und erstarrt, es folgt ein Gegenschnitt und Phyllis Knöchel sind zu sehen, während sie die Treppe heruntergeht. Die Kamera bleibt bei ihrem Gang bis sie am Ende der Treppe ganz zu sehen ist. Im Zusammenspiel mit der Erzählsituation ist somit die sexuelle Anspannung innerhalb der Geschichte von vorneherein zu spüren.

Durch den Erfolg bei Zuschauern und Kritikern setzte „Double Indemnity“ Maßstäbe für folgende Films Noir und Cain-Adaptionen. Sehr deutlich wird dieser Einfluss an Michael Curtiz‘ Verfilmung von „Mildred Pierce“. Der Roman ist eine psychologische Studie über eine Frau während der Großen Depression, die sich sehnlichst die Anerkennung ihrer Tochter wünscht (und damit bereits auf die Dreiecksbeziehungen hinweist, die in Cains späteren Werken häufig zu finden sind). Grundsätzlich erinnert die Ausgangssituation an ein Melodram, in der Verfilmung gibt es indes einen Mord, der im Roman nicht vorkommt, außerdem tritt an die Stelle des allwissenden Erzählers Mildred, die nun im Rahmen einer polizeilichen Befragung die Ereignisse schildert, die zum Tod ihres zweiten Ehemanns führten. Damit greift auch Curtiz‘ „Mildred Pierce“ auf Voice-over-Narration, die Geständnissituation und Rückblenden zurück und knüpft an das Erfolgsmuster von „Double Indemnity“ an. Außerdem verstärkten dieser Film sowie die nachfolgende Adaption von „The Postman Always Rings Twice“ den Eindruck, Cain sei ein Autor, der über Morde und Sex schreibe. Abermals gibt es im Film (wie im Roman) einen Ich-Erzähler, der in Rückblenden von den Ereignissen erzählt, die ihn ins Gefängnis gebracht haben; als Cora das erste Mal im Film zu sehen ist, erscheinen ihre Füße, es folgt Schnitt auf Franks erstauntes Gesicht, danach zurück zu Coras und die Kamera schwenkt langsam zu ihrem Gesicht. Im Gegensatz zu Cains Romanen, in denen die gefährlichen Frauen stets einen Makel haben, der sie in den Augen des Mannes noch verführerischer erscheinen lässt, entsprechen sie im Film dem Schönheitsideal Hollywoods – und sind weiß gekleidet. Ihre Verführungskraft wird hier durch die Kamera deutlich – und die Präsentationsweise vom Knöchel zum Gesicht wurde im Film noir typisch für die Einführung einer verführerischen, aber gefährlichen Frau.

Nachhall
Durch die Verfilmungen dieser drei frühen Cain-Werke wurde das Erzählmuster eines selbstsicheren Mannes und einer verführerischen Frau, die sich in einem mörderischen Spiel verrennen, zum Erfolg. Es wurde fortan mit James M. Cain assoziiert und fand allerhand Nachahmer, an denen Cain aber nicht finanziell beteiligt war. Diese Erfahrung führte zu seinem Versuch, die American Author’s Authority zu gründen, eine Gewerkschaft, die bessere Verträge aushandelt und das Copyright der Autoren schützt. Aber in einer Zeit, in der ein Kommunismusverdacht die Karriere ruinieren konnte (wie u.a. „Postman“-Hauptdarsteller John Garfield erfahren musste), fand die Idee einer gewerkschaftlichen Organisation keinen Anklang.

Bis zu seinem Tod 1977 hat James M. Cain wiederholt geäußert, dass er sich nicht als hardboiled– oder crime-Autor sehe. Aber von Robert Siodmarks „The Killers“ über Lawrence Kasdans „Body Heat“ und „Blood Simple“ von Joel und Ethan Coen bis zu Christian Petzolds „Jerichow“ inspirierten seine Romane und deren Adaptionen eine Schreibweise und Inszenierungsform, die noch heute mit ‚im Stile Cains‘ umschrieben werden.

Erschienen bei Polar Noir.

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